
Wann wird gesiezt und geduzt?
Das Sie bedeutet immer einen Abstand, der auch wohltuend sein kann, während ein Du immer eine Vertrautheit herstellt.
Das Du ist daher innerhalb bestimmter Vergemeinschaftungsformen (politischer Parteien, Glaubensgemeinschaften, Arbeitskollegien, Clubs, im Internet u.ä) oft die normale Anredeform, wenn besonderer Wert z.B. auf ein gemeinschaftliches Miteinander gelegt wird und gehorcht dort spezifischen Regeln, die von denen des Alltags, die hier beschrieben werden sollen, mitunter stark abweichen. Ebenso gibt es umgekehrt auch stark formalisierte Gesellschaften, in denen das Du grundsätzlich als inadäquat wirkt.
Auch im Alltag kann die Präferenz der Anrede mit Du oder Sie stark von weltanschaulichen Gegebenheiten abhängig sein, wie sie etwa innerhalb eines spezifischen Milieus wirken. Hierbei sind alle denkbaren Schattierungen anzutreffen (von absoluter Ablehnung des Sie, über eine ausgewogene Verteilung beider Anredeformen, bis hin zu Umgangserwartungen, bei denen das Du praktisch ausgeschlossen ist). Allgemeingültige Regeln für alle Bereiche der deutschsprachigen Gemeinschaften lassen sich daher nicht formulieren. Die Wahl der richtigen Anrede ist deshalb ein wichtiger Indikator für ein angemessenes Taktgefühl, d.h. ein Gespür dafür, welche Umgangsform in der jeweiligen Umgebung erwünscht, bzw. adäquat ist.
Wenn man jemanden im Alltag nicht persönlich kennt oder sich bezüglich der Regeln umgebenden Vergemeinschaftung unsicher ist, empfielt es sich, immer zu siezen! Das Duzen eines Fremden ist strenggenommen eine Kundgabe der Nichtachtung und damit eine Beleidigung, die sogar juristische Konsequenzen haben kann, wenn man an den Falschen gerät, und auch sonst kann es einem passieren, dass man bei ungerechtfertigter Vertrautheit recht schroff zurechtgewiesen wird, auch von jüngeren Leuten.
Das Du wird nach der klassischen Lehre immer vom Älteren dem Jüngeren, von der Dame dem Herrn, vom Ranghöheren dem Rangniedrigeren angeboten. Selbstverständlich kann man das Du auch höflich ablehnen mit den Worten: „Seien Sie mir nicht böse, aber ich möchte vorerst lieber noch beim Sie bleiben.“
Sie sollten selber wissen, wem Sie das Du anbieten - zu vorschnell angeboten, kann es auch für eine Distanzlosigkeit ihrerseits sprechen, die bei anderen nicht gerne gesehen wird! Ratsam ist auch mitunter, den Chef bei der Arbeit nicht zu duzen, auch wenn das Du angeboten wird: Sollte das gute Verhältnis in irgendeiner Hinsicht gestört sein, kann eine Auseinandersetzung leicht persönlicher werden, als man möchte. Ansonsten sollte man ein angebotenes "Du" vom Chef annehmen, auch wenn man älter ist als dieser.
Eine Zwischenform ist manchmal auch eine angebrachte Lösung: Das Sie und der Vorname! Man kann diese Form zum Beispiel gegenüber den bereits erwachsenen Freunden seiner Kinder oder Enkel verwenden, allerdings ist diese Form bei manchen älteren Leuten als „Dienstmädchen-Sie“ verpönt, da es eine höfliche Distanz vorgaukelt, die in der Praxis nicht besteht. Eine andere Zwischenform ist die zweite Person Plural (Ansprache mit „Ihr“) oder die dritte Person Singular (Ansprache mit „Er“), die - je nach Region - häufig noch von älteren Menschen benutzt wird.
Wenn man in einer Firma neu anfängt, sollte man sich den Gepflogenheiten anpassen. Wenn sich alle Mitarbeiter auf einer Ebene duzen, sollte man sich nicht ausschließen, jedoch ist es oft ratsam, erst vorsichtig anzufragen, ob ein Duzen in Ordnung ist oder darauf warten, dass man aufgefordert wird, die Kollegen auch zu duzen. Mitunter ist es in deutschen Tochterunternehmen ausländischer Gesellschaften üblich, dass sich sämtliche Mitarbeiter von der untersten bis zur höchsten Rangstufe duzen.
Für Erwachsene gilt: Normalerweise siezt man einen Jugendlichen und nennt ihn beim Vornamen, wenn er 16 Jahre oder älter ist, es sei denn, man hat das „Gewohnheitsrecht“ und kennt sich noch von früher! Wenn jemand 18 Jahre alt und volljährig ist, wird er selbstverständlich mit Nachnamen genannt und gesiezt!
An der Universität und in der Schule gilt unter Kameraden und Kommilitonen das Du; gegenüber Dozenten in der Regel das Sie.